Stellungnahme zum Kassensturz-Beitrag "Wie fair sind Fairtrade & Co?" vom 29.1.2019

Die Fernsehsendung Kassensturz hat die Elfenbeinküste besucht – und ist mit einigen kritischen Fragen zur Kakao-Produktion (Fairtrade-Kooperative Ecookim u.a.) zurückgekehrt. Andreas Jiménez, Geschäftsleiter der Max Havelaar-Stiftung, nahm in der Sendung Stellung. Kritik begrüssen wir bei Fairtrade – weil wir dadurch Massnahmen zur Verbesserung einleiten können. Im Folgenden eine ausführliche Stellungnahme zu den wichtigsten Themen des Kassensturz-Berichts.

Laut Kassensturz erhalten Fairtrade-Kakaobauern unter dem Strich nur wenig mehr als konventionelle Bauern. Sie bleiben arm. Sind die Fairtrade-Leistungen ungenügend?
Der Kakao-Sektor in der Elfenbeinküste ist durch extreme Armut geprägt. Genau deshalb ist Fairtrade dort engagiert. Ein Wandel braucht allerdings auch in Fairtrade-zertifizierten Kooperativen Zeit und kann die Bauern nicht so einfach aus der Armut heben.
Die Wirkung von Fairtrade ist jedoch auch bei der vom Kassensturz besuchten Kooperative Ecookim deutlich vorhanden: Mit der Fairtrade-Prämie hat die Kooperative in den letzten Jahren 20 Schulen errichtet oder saniert, 12 Brunnen gebaut, 3'000 Schulausrüstungen an Kinder verteilt – und sie hat 300'000 Setzlinge gratis an die Bauern abgegeben, damit diese ihre alten Kakaobäume Schritt für Schritt ersetzen können. Innerhalb von vier Jahren hat Ecookim das Schulgeld von 4'144 Kindern finanziert. Rund 18% der Prämie hat Ecookim direkt an seine Mitglieder weitergegeben. Weltweit haben die Fairtrade-Kakaobauern 2017 über 40 Millionen Dollar an Prämien erhalten.

Die Fairtrade-Prämien werden zusätzlich zum Mindestpreis ausbezahlt, der bei Fairtrade garantiert ist und die Bauern vor gefährlichen Preisschwankungen nach unten schützt.

Trotzdem: Fairtrade ist ein Prozess und kein Wundermittel. Für nachhaltige Wirkung über die Zeit braucht es alle Akteure, die am gleichen Strick ziehen: Händler, Verarbeiter, Regierungen und die Konsumentinnen und Konsumenten. Die langfristige Strategie von Fairtrade ist es dabei, den Bauern ein existenzsicherndes Einkommen zu ermöglichen – damit sie und ihre Familien frei von Armut leben können.

Einige Bauern monieren, die Prämie sei intransparent geregelt und von ihr komme zu wenig bei ihnen an. Stimmt das?
Bei Fairtrade ist klar geregelt, wie hoch die Prämie ist und wie sie verwendet wird. Bezahlt wird sie vom Händler an die Kooperative – direkt beim Kauf des Kakaos. Das Ziel ist, dass die Mitglieder der Kooperative in Projekte investieren, die ihnen am wichtigsten sind. Und was ihnen am wichtigsten ist, wissen natürlich nur die Mitglieder. Sie entscheiden demokratisch in der Generalversammlung über die Verwendung der Prämie – z.B. den Bau einer neuen Strasse oder eben Setzlinge für die Kooperativen-Mitglieder. Die Prämie geht entsprechend nicht automatisch als zusätzliches Einkommen an die einzelnen Bauern. Einen Teil setzen die Kooperativen allerdings tatsächlich für Direktzahlungen ein.

Zusätzlich ist zu betonen, dass auch Fairtrade Max Havelaar bei den Besuchen ähnliche Erfahrungen macht: Den Bauern ist bewusst, dass sie z.B. ihre Gummistiefel und Machete dank Fairtrade gratis erhalten – von den grösseren Projekten wissen sie allerdings häufig wenig. Beim Informationsfluss innerhalb der Kooperativen hat Fairtrade einen Verbesserungsbedarf. Wir werden entsprechende Massnahmen angehen.

Ist die Prämie trotzdem zu gering?
Bei Fairtrade entscheiden die Kleinbäuerinnen und -bauern mit – beispielsweise auch bei der Höhe der Prämien für jedes ihrer Produkte. Fairtrade ist weltweit die einzige Labelorganisation, bei der die Bauern gleichberechtigt sind: Sie haben 50% Stimmenanteil. Die Höhe der Fairtrade-Prämie legt also nicht Fairtrade Max Havelaar fest, sondern das ist ein Entscheid, der von den Bäuerinnen und Bauern mitbestimmt wird. Im Durchschnitt erhält jede Fairtrade-Kooperative jährlich 100'000 Franken Prämie.

Einige Bauern sagen aus, die Angestellten der Kooperativen würden mit der Zertifizierung das grosse Geschäft machen und sie seien diesen ausgeliefert. Ist das tatsächlich der Fall?
Grundsätzlich sind die Fairtrade-Kooperativen mit entsprechenden Strukturen und Mechanismen versehen, um falsche Machenschaften und Missbrauch zu verhindern. So wählen die Bäuerinnen und Bauern als Mitglieder einer Kooperative in einer Generalversammlung den Vorstand. Dieser hat die Aufgabe, das Management der Kooperative zu beaufsichtigen. Wenn die Mitglieder mit der Arbeit des Managements unzufrieden sind, können sie sich über den Vorstand wehren. Bei klaren Verfehlungen können die Mitglieder auch eine Meldung an die Zertifizierungs- und Kontrollstelle Flocert machen. Mit Kursen und Workshops versucht Fairtrade das Bewusstsein der Mitglieder für ihre Rechte zu schärfen. Die Fairtrade-Standards sind für jedermann einsehbar. Zudem gehört es auch zu den Aufgaben von Flocert als Zertifizierungsstelle, allfällige Ungereimtheiten etwa bei der Geschäftsführung zu beanstanden und zu sanktionieren.

Wird Fairtrade-Kakao vor Ort mit konventionellem Kakao vermischt?
Fairtrade ist sich des Risikos bewusst, dass versucht wird, konventionellen als zertifizierten Kakao zu verkaufen. Bei Fairtrade müssen Kooperativen ihren Kakao jederzeit, d.h. während der Abholung, Lagerung und des Transports, strikt physisch vom Nicht-Fairtrade-Kakao trennen. Dies wird in Audits durch die renommierte Kontrollstelle Flocert immer wieder unabhängig überprüft. Jede Vermischung vor Ort mit Nicht-Fairtrade-Kakao ist ein schwerer Verstoss gegen die Fairtrade-Standards und führt zu Sanktionen. Deshalb müssen Kooperativen schriftlich einen Mechanismus darlegen, wie sie sicherstellen, damit es keine Vermischung von Fairtrade-Kakao mit konventionellem Kakao gibt.

Gibt es bei Fairtrade Kinderarbeit?
Hinweise auf Kinderarbeit nehmen wir sehr ernst und leiten sofort Massnahmen ein, um diese Kinder zu schützen. Man muss dabei unbedingt zwischen zwei Arten unterscheiden, wenn Kinder auf den Feldern mitarbeiten: Wenn Kinder ihren Eltern nach Schulschluss oder am Wochenende bei der Kakaoernte helfen und dabei nur leichte und ungefährliche Arbeiten verrichten, ist dies nicht verboten. Auf Schweizer Bauernhöfen packen die Kinder der Bauernfamilien häufig auch tatkräftig mit an. Falls Kinder allerdings zur Schulzeit auf den Kakaofeldern arbeiten oder schwere oder gefährliche Arbeit verrichten (z.B. schwere Lasten tragen oder Pestizide versprühen), dann handelt es sich um missbräuchliche Kinderarbeit – und diese ist bei Fairtrade strikt verboten.

Gerade in Gegenden wie Westafrika, in denen ein Risiko für Kinderarbeit besteht, verlangt Fairtrade von Kooperativen, ein entsprechendes Warnsystem einzurichten. Ecookim setzt ein solches Projekt um: “It takes a village to protect a child.” Zudem hat Ecookim 20 Schulen gebaut und saniert, 3000 Schulausrüstungen an Kinder verteilt und das Schulgeld von 4'144 Kindern finanziert.

Wenn Flocert bei ihren Kontrollen missbräuchliche Kinderarbeit feststellt oder es deutliche Hinweise darauf gibt, wird die Kooperative suspendiert oder dezertifiziert. Bei Kinderarbeit gibt es keine Toleranz. Wir tun unser Möglichstes, um die Kinder zu schützen. Hier finden Sie weiterführende Informationen zu unserem Arbeitsschwerpunkt Bekämpfung von Kinderarbeit.

Funktionieren die Kontrollen genügend?
Bei Fairtrade ist die Zertifizierungsstelle Flocert für Kontrollen der Kooperativen zuständig. Unabhängige Kontrollen sind entscheidend, um die Einhaltung der Fairtrade-Standards sicherzustellen. Dies geschieht mit regelmässigen Vor-Ort-Audits, zusätzlich gibt es unangekündigte Stichproben. Bei begründeter Anschuldigung gibt es auch kurzfristige unangekündigte Besuche.

Die Kontrollen funktionieren: 2017 hat Flocert aufgrund von Verstössen gegen die Standards 254 Suspendierungen und 51 Dezertifizierungen vorgenommen. Dies zeigt: Flocert führt die Kontrollen gewissenhaft durch und Verstösse gegen Fairtrade-Standards werden geahndet.

Können die Konsumenten noch guten Gewissens Fairtrade-Produkte kaufen?
Unbedingt. Wer Fairtrade-Produkte kauft, unterstützt einen positiven Entwicklungsprozess. Mindestpreis, Prämie und Schulungen vor Ort ermöglichen es den Kleinbäuerinnen und -bauern, dass sie ihr Leben und das Leben ihrer Familien Schritt für Schritt verbessern können.

Dutzende wissenschaftliche Studien – darunter von so namhaften Forschungseinrichtungen wie der Harvard University – bescheinigen Fairtrade eine beträchtliche Wirkung. Eine Auswahl finden Sie auf unserer Webseite: www.maxhavelaar.ch/studien

Nachhaltige Wirkung für die Kleinbauernfamilien stellt sich dann ein, wenn alle Beteiligten – Politik, Wirtschaft, Fairtrade und die Konsumentinnen und Konsumenten – an einem Strick ziehen.