14. Oktober 2020

Online-Corona-Sprechstunden für Textilarbeiterinnen

Fairtrade bietet gemeinsam mit Dr. Bobby Joseph, Arzt im öffentlichen Gesundheitswesen, Online-Sprechstunden zum Thema Corona für Beschäftigte in Textilfabriken in Indien an. Dabei stellen sowohl Fabrikleitung als auch Arbeiterinnen und Arbeiter Fragen rund um Covid-19.

Online-Corona-Sprechstunde für Textilarbeiterinnen

Mit Hilfe der Sprechstunden sollen die Angestellten über Covid-19 informiert und für notwendige Schutzmassnahmen sensibilisiert werden. Dr. Bobby Joseph hat 25 Jahre Erfahrung im Bereich der Arbeitsmedizin. Er ist Professor und Leiter des arbeitsmedizinischen Dienstes am St. John's Medical College in Bangalore, einer der führenden medizinischen Hochschulen Indiens.

Im Interview berichtet er von der Situation in den Fabriken während der Pandemie.

Wie ist die aktuelle Situation in den Fabriken aus Ihrer Sicht? Wie wirkt sich das Virus derzeit auf die Arbeit in den Fabriken in Indien aus?

Von Beginn der Pandemie an war die grösste Sorge vieler Arbeiterinnen und Arbeiter, ihren Lebensunterhalt zu verlieren. Wenn es keinen strengen Lockdown in Indien gegeben hätte, wären viele der Beschäftigten vermutlich weiter zu Arbeit gegangen – ohne sich um ihre eigene Sicherheit Gedanken zu machen.

Um die Arbeit nach dem Lockdown wieder aufnehmen zu können, mussten die meisten Fabriken ihre Produktion von den üblichen Aufträgen auf die Herstellung von persönlicher Schutzausrüstung, wie zum Beispiel Masken umstellen. Die Weitergabe der Textilien für den nächsten Bearbeitungsschritt erfolgt in der Regel per Hand, sodass die Kleidungsstücke zur nächsten Person weitergereicht werden. Eine strikte physische Distanzierung war daher schwierig. Hier mussten die Fabriken innovativ werden und die gewohnten Abläufe verändern. In einigen Fabriken kam erschwerend hinzu, dass ein grosser Teil der Arbeiterinnen aus anderen indischen Provinzen stammte. Auf dem Höhepunkt des Lockdowns sind viele von ihnen in ihre Heimatprovinzen zurückgekehrt, sodass nun Arbeitskräfte fehlen.

Welche Massnahmen ergreifen die Fabriken derzeit, um die Beschäftigten vor einer Ansteckung durch das Virus zu schützen?

Die in den Fabriken hergestellten Masken werden an die Mitarbeiterinnen und manchmal auch an ihre Familien verteilt. Ausserdem gibt es berührungsfreie Waschstationen inklusive Seife. In vielen Fabriken wurden zusätzlich pedalbetriebene Desinfektionsmittelspender installiert. Auch Kräutertees, lokale Heilmittel und traditionelle Mittel zur Förderung der Immunität stehen vielerorts bereit. Häufig berührte Oberflächen werden regelmässig gereinigt und die Beschäftigten müssen vor jedem Arbeitsantritt ihre Temperatur kontrollieren lassen. Zudem ist Abstand ein wichtiges Stichwort. Um es den Arbeitern möglich zu machen, genügend Abstand zu halten, gibt es gestaffelte Pausen und Mittagszeiten.

Während der Online-Sprechstunden können sowohl Fabrikmanagement als auch Beschäftigte sich zum Thema Covid-19 informieren. Was sind die am häufigsten gestellten Fragen?

Wann es einen Impfstoff geben wird, ist eine der meistgestellten Fragen. Viele möchten auch wissen, inwiefern eine Maske sie schützen kann. Aber auch Fragen zu den aktuellen Massnahmen werden häufig gestellt. Beispielsweise ob man dem Ergebnis eines Corona-Tests glauben kann, ob es bei wiederholter Anwendung von Handdesinfektionsmitteln zu Nebenwirkungen kommen kann oder ob die Temperaturkontrollen zu Haut- oder Hirnschäden führen können. Einige Fragen gehen über den Arbeitsalltag hinaus. Viele interessiert, wie bedrohlich eine Erkrankung für ihre Kinder ist, wie sie die Kinderbetreuung in der aktuellen Situation handhaben sollen und ob das Virus auch über Lebensmittel übertragen werden kann. Eine immer wieder gestellte Frage ist zudem: Woran erkennt man, ob es sich um Covid-19 oder eine andere Erkrankung handelt?

Wie wichtig ist diese Möglichkeit des virtuellen Austauschs? In Hinblick auf die Eindämmung des Virus, aber auch aus psychologischer Sicht?

Aus meiner Sicht braucht es jede Gelegenheit, die wir haben, um die Menschen über das Virus aufzuklären. Durch die Informationsflut, die uns alle täglich über die sozialen Netzwerke erreicht, gibt es viel zu viele Mythen und Missverständnisse. Es ist wichtig, dass Informationen von verlässlichen Ärztinnen und Ärzten oder anderen Personen aus dem Gesundheitswesen kommen, damit die Beschäftigten wissen, was sie in der aktuellen Situation tun und was sie besser vermeiden sollten. In den Online-Sitzungen geht es vor allem darum, auf die Bedrohung durch Covid-19 aufmerksam zu machen und zu erklären, weshalb Präventivmassnahmen wichtig sind und gewissenhaft befolgt werden sollten. Gleichzeitig sollen die Sitzungen auch ein Gefühl von Optimismus und Sicherheit verbreiten. Wir müssen Panikmache vermeiden und Ängste, wo wir können, abbauen.

Ist aus Ihrer Sicht ein Arbeitsalltag während der Corona-Krise aktuell überhaupt möglich, ohne die Arbeiter zu gefährden?

Ich denke, wir alle müssen mit der Zeit die neue Normalität akzeptieren. Wir müssen uns bewusst sein, dass das regelmässige Tragen einer Maske, die häufige Verwendung von Desinfektionsmittel oder einfache Abstandsregeln dabei helfen können, die Zahl der Fälle zu reduzieren. Sofern die Unternehmensleitung entsprechende Massnahmen wie berührungsfreie Seifenspender, gestaffelte Pausenzeiten usw. ergreift, um die Beschäftigten zu schützen, können wir mit der Zeit gewährleisten, dass die Fabriken sicher sind.

Aber das Fabrikmanagement muss sich auch darauf gefasst machen, dass es mit solchen Bemühungen allein nicht getan ist. Die Corona-Krise wird die Fabriken vor eine Reihe von Herausforderungen stellen: Arbeiterinnen können plötzlich krank werden, jemand kann ein Familienmitglied aufgrund von Covid-19 verlieren, einige werden möglicherweise ängstlich oder paranoid, wenn es darum geht, zur Arbeit zu kommen. Das Management sollte mit all diesen verschiedenen Situationen umgehen können. Auch das verantwortliche Personal muss für solche Fälle entsprechend geschult werden.