In der Krise wächst die Bedeutung der Menschenrechte

Hunger statt Schulbildung und Frauenrechte: Das Corona-Virus hat verheerende Auswirkungen für die Fairtrade-Kleinbauern und -Arbeiterinnen. Die aktuelle Krise macht die Bedeutung von nachhaltigen Lieferketten deutlich. Vermehrt will Fairtrade Max Havelaar nun die Menschenrechte und die Verantwortung der Unternehmen für ihre Lieferketten in den Fokus seines Engagements stellen. Der Umsatz mit Fairtrade-Produkten wuchs im vergangenen Jahr um 2.5%. Das laufende Jahr sieht dagegen weniger positiv aus.

Blumenarbeiterinnen auf der Fairtrade-Blumenfarm Karen Roses in Kenia (Foto: Christoph Köstlin)

Noch bis vor kurzem standen für Fairtrade auf den Blumenfarmen in Afrika die Themen Bildung, Frauenrechte und die Anhebung des Mindestlohns im Zentrum. Jetzt dominiert das Thema Hunger! Es geht ums Überleben: Wegen der massiven Absatzeinbrüche von bis zu 90 Prozent aufgrund der Corona-Krise konnten viele Farmen ihre Angestellten nur noch zur Hälfte beschäftigen oder mussten diese gar entlassen – und dennoch stehen sie vor dem Bankrott. Am stärksten spüren die Arbeiterinnen und Arbeiter selbst die Krise: Ihnen fehlt das Einkommen, mit dem sie bis zu neun weitere Personen ernähren.

Auf den Fairtrade-Blumenplantagen in Afrika mit ihren 59'000 Angestellten zeigt sich exemplarisch, welche verheerenden Auswirkungen das Corona-Virus im Süden hat. Fairtrade hat sehr rasch reagiert: Gleich zu Beginn der Krise wurden die Richtlinien für die Verwendung der Prämien so gelockert, dass diese nun zu 100% für Nothilfe verwendet werden können. Zudem hat das Fairtrade-System über 3 Millionen Euro für rettende Massnahmen gesprochen. Fairtrade Max Havelaar beteiligt sich mit 360'000 Franken.

Auch wenn die Blumenläden in der Schweiz nun wieder geöffnet haben, dürften den Menschen in der Blumenindustrie weiterhin schwere Zeiten bevorstehen. Deren Schicksal hängt sehr stark davon ab, wie sich die Umsätze hierzulande und anderswo entwickeln. An die Konsumentinnen und Konsumenten appelliert Renato Isella, Geschäftsleiter der Max Havelaar-Stiftung: «In dieser schwierigen und unsicheren Zeit braucht es vor allem eines: Solidarität. Solidarität zwischen Jung und Alt, aber auch Solidarität zwischen uns hier und benachteiligten Menschen anderswo.»

Die Fairtrade-Kleinproduzenten sind sehr unterschiedlich von Corona betroffen. Lichtblicke sind Bananen und Kaffee, die in der Krisenzeit als Produkte sogar ein leichtes Wachstum verzeichnen.

Menschenrechte: Unternehmen in der Pflicht
Die Corona-Krise führt eindrücklich die Bedeutung der Menschenrechte vor Augen: Wenn es gelingt, Lieferketten fair zu gestalten, wird es für die Menschen in Entwicklungsländern möglich, auch in der Not zu bestehen. Auch deshalb erweiterte die Uno im Jahr 2011 die allgemeinen Menschenrechte mit ihren Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. Diese nehmen nach den Staaten auch die Unternehmen in die Verantwortung. Nun wird in immer mehr Rechtsprechungen die Sorgfaltspflicht obligatorisch.

Um ihre Lieferketten verantwortungsvoller zu gestalten, suchen sich Unternehmen vermehrt Fairtrade als Partner. Die Organisation mit ihrem weltweiten Netzwerk, den Standards, Mindestpreisen und Prämien sowie ihrem Know-how kann für Unternehmen ein wertvoller Partner bei der Umsetzung der menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten sein. So hilft Fairtrade beispielsweise dabei, mehr Transparenz und Rückverfolgbarkeit in die Lieferketten zu bringen. Im Kakaosektor beispielsweise starten erste Firmen zusammen mit Fairtrade mit Pionier-Projekten für existenzsichernde Einkommen. Für die Textilindustrie hat Fairtrade den Textilstandard und das Textilprogramm entwickelt und für die gesamte Lieferkette soziale, ökologische und ökonomische Kriterien festgelegt.

Eine menschengerechte Lieferkette ist möglich, Unternehmen können die Chancen jetzt nutzen!

Das Wachstum verlangsamt sich
Obschon im vergangenen Jahr der Schweizer Detailhandelsmarkt stagnierte, hat Fairtrade Max Havelaar weiter an Bedeutung gewonnen: Die Verkäufe von Fairtrade-Produkten sind gegenüber dem Vorjahr um 2.5% auf 814 Millionen Franken gestiegen.

Schnell und stark gewachsen sind Fairtrade-Produkte mit dem neuen weissen Label für Einzelzutaten: plus 39% gegenüber dem Vorjahr. Dieses Label trägt bereits 16% zum Umsatz bei. Besonders hervorzuheben gilt es die Schokolade: Deren Marktanteil hat von 7 auf 12% zugelegt.  

Aufgrund der globalen Corona-Krise sehen die Prognosen für Fairtrade Max Havelaar für das Jahr 2020 allerdings weniger positiv aus. Für Renato Isella, der neue Geschäftsleiter der Max Havelaar-Stiftung, ist klar: «Wir zählen auf die Unterstützung der Händler, Markenfirmen, Grossverteiler sowie der Konsumentinnen und Konsumenten. Gemeinsam engagieren wir uns langfristig für das Wohl der Kleinbauern und Arbeiterinnen in Entwicklungsländern.»

Max Havelaar in Kürze
Wer Produkte mit dem Label von Fairtrade Max Havelaar kauft, ermöglicht Kleinbauernfamilien und Angestellten in Entwicklungsländern ein besseres Einkommen und gute Arbeitsbedingungen. Diese erhalten einen stabilen Preis und zusätzlich eine Fairtrade-Prämie sowie Beratung vor Ort. Einen Teil des Verkaufserlöses investieren sie in Projekte, die der ganzen Gemeinschaft zu Gute kommen – wie in den Bau von Brunnen, Schulen und Spitälern.

Gegründet wurde Fairtrade Max Havelaar 1992 von den Hilfswerken Brot für alle, Caritas, Fastenopfer, HEKS, Helvetas und Swissaid. Von Bananen aus Peru über Kaffee aus Äthiopien bis hin zu Reis aus Indien – heute gibt es in der Schweiz 3000 Produkte mit dem Label von Fairtrade Max Havelaar zu kaufen. Für alle diese Produkte gelten die strengen Fairtrade-Standards bezüglich Anbau, Arbeiterrechten, Verarbeitung und Handel.

Weitere Informationen:
Patricio Frei, Mediensprecher Deutschschweiz, p.frei@maxhavelaar.ch, +41 44 278 99 17
Luca Puliafito, Mediensprecher Romandie, l.puliafito@maxhavelaar.ch, +41 44 278 99 21