Wichtige Blumen in Zeiten von Corona

Interview mit Bernhard Bürgisser, Gründer von Agrotropic und blume 3000

 

Ab dem 27. April dürfen in der Schweiz wieder Blumen verkauft werden. Fairtrade-Blumen-Pionier Bernhard Bürgisser spricht im Interview über Hilfsprojekte für kenianische Blumenfarmen und die Herausforderungen mit der Wiedereröffnung der Blumenläden in der Schweiz.

Was bedeutet die Corona-Krise für euch und eure Partner-Farmen im Süden?
Die Auswirkungen haben viele verschiedenen Dimensionen entlang der ganzen Wertschöpfungskette.
Aber im Fokus stehen für uns die Arbeitsplätze der eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Existenzängste der Mitarbeitenden auf den Blumenfarmen. Während wir hier in der Schweiz das Modell der Kurzarbeit und eine relativ grosse soziale Sicherheit geniessen, haben die Farmen und deren Angestellten keine solchen Sicherheiten. Sie sind direkt vom Absatz der Rosen abhängig.

Mit dem Einbruch der Blumenverkäufe durch die in Europa verordneten Massnahmen haben etwa 25% der rund 200'000 Angestellten der Rosenfarmen in Kenia ihre Arbeit verloren und weitere 25% sind akut gefährdet. Wir haben uns mit unseren langjährigen Partnern bei den Farmen unterhalten und diese haben uns erklärt, dass die Ernährungssicherheit in der aktuellen Krise eine grössere Herausforderung sein wird und es die Angestellten der Farmen ungleich härter treffen kann als uns hier. Nebst den globalen Auswirkungen von Corona leidet nämlich Ostafrika dieses Jahr auch noch unter einer Heuschreckenplage.

Wir hoffen, dass sich die Situation nun schrittweise erholt und das Schlimmste nicht eintrifft. Als Sofortmassnahme haben wir zusammen mit Fairtrade Max Havelaar Ideen diskutiert, wie geholfen werden kann. Während Max Havelaar sich auf die kurzfristige Hilfe in Form von "Cash or Kind" (Bargeld oder Naturalien) über die Fairtrade-Prämien engagiert, unterstützt Agrotropic Farmen bei der Verwandlung von Brachland in Gemüsegärten. Wir haben hier Geld gespendet, mit dem Saatgut und Jungpflanzen wie Saatkartoffeln beschafft werden, um mittelfristig die Ernährungssicherheit der Angestellten der Farmen zu verbessern. An diesen Projekten wird im Moment mit Hochdruck gearbeitet.
 
 
Welche Herausforderungen stehen nun mit der Wiedereröffnung nächsten Montag an?

Durch den Kollaps des internationalen Personenflugverkehrs und das Grounding vieler Airlines, muss der Frachtflugverkehr die ganzen Frachtkapazitäten auffangen. In den Bäuchen der Personenflieger sind natürlich auch viele Frachtgüter mitgeflogen. Durch die Tatsache, dass viele Hilfsgüter wie Masken, Medikamente und Medizintechnik mit Eilsendungen per Luftfracht beschafft werden, führt dies zu einer weiteren Verknappung. Dies spüren wir nun: Die Frachtkapazitäten in Kenia sind so tief wie nie und wir müssen um jede Box Blumen kämpfen, damit sie es auf den Flieger schafft. Durch den Unterbruch des Verkaufs in der Schweiz legen wir hier praktisch auf Muttertag einen Kaltstart hin. Bei sonst schon knappen Kapazitäten müssen wir uns unseren Stellenwert zurückkämpfen. Ebenso hat dies zu einer starken Verteuerung der Frachtkosten geführt. So wie es aussieht, wird uns dies noch länger beschäftigen und eine Verbesserung ist wohl erst in Sicht, wenn der Personenflugverkehr wieder aufgenommen wird.

 
Welche Import-Vorbereitungsarbeiten müsst ihr vornehmen?
Nebst der Bewältigung der Schwierigkeiten in der Luftfracht prüfen wir alternative Bezugsquellen in ostafrikanischen Ländern wie Uganda und Äthiopien, da diese mit den staatlichen Airlines im Moment noch stabilere Frachtsituationen haben. Ebenso ist natürlich die interne Organisation in der Verarbeitung ein Thema. Bevor die staatlichen Restriktionen kamen, waren wir auch schon mit einem Hygienekonzept, Distanzregeln und täglich alternierenden Teams unterwegs. Dies wird nun reaktiviert und verfeinert, damit wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schützen und die Richtlinien des Bundes einhalten können.

Das Interview wurde am 24. April 2020 per Mail geführt.

Bernhard Bürgisser importiert seit 1976 Rosen aus Kenia. Zunächst, um sein Studium als Forstingenieur zu finanzieren, später hauptberuflich als Firmengründer und Hauptaktionär sowohl der agrotropic AG als auch der Blumenfachgeschäfte "blume 3000 AG". Die agrotropic AG ist der führende Importeur für Fairtrade-Blumen in der Schweiz, wovon die kleine „Tochter“ profitiert: In den mittlerweile neun Filialen der blume 3000 AG werden ausschliesslich fair gehandelte Rosen vertrieben, auf Edelrosen gibt es eine siebentägige Haltbarkeitsgarantie. Das regional fest verankerte Familienunternehmen nimmt auch bei den eigenen Mitarbeitern seine Verantwortung als Arbeitgeber ernst. 

Seit Bürgisser 1996 gemeinsam mit anderen Branchenvertretern und Fairtrade Max Havelaar im Rahmen der damaligen Blumenkampagne* die ersten Kriterien zur Einführung eines Fairtrade-Blumenlabels entwickelt hat, hat sich viel getan: In der Blumenproduktion wird nicht nur wesentlich mehr Rücksicht auf die Umwelt genommen, sondern es haben sich vor allem die Arbeitsbedingungen für die Produzenten massiv verbessert: fortschrittliche Produktionsmethoden, das Verbot hochgiftiger Pestizide, mehr Arbeitssicherheit und Fairtrade-Prämien, mit denen soziale Projekte an Ort und Stelle finanziert werden. Eine von Bürgisser gegründete Gärtnerei in Kenia mit über 500 Mitarbeitern gehört zu den ersten zertifizierten Betrieben. Durch seine regelmässigen Besuche bei den Lieferanten hat der Fairtrade-Experte ein Auge auf beste Qualität.

Gut zu wissen: Der Blumenimport hat dank der optimalen klimatischen Bedingungen in den Herkunftsländern eine bessere ökologische Bilanz als in Europa angebaute Rosen.

* Blumenkampagne: Zusammenschluss verschiedener NGOs (u.a. Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, Public Eye / Erklärung von Bern und Swissaid) der sich zum Ziel gesetzt hat, die grossen ökologischen und sozialen Missstände am Beispiel der Blumenproduktion auf der Hochebene von Bogotá zu thematisieren und nicht über Boykott, sondern über eine Zusammenarbeit mit dem Blumensektor zu verbessern.